«So viel Ruhe hält kein Mensch aus!»

26.08.20 / Interview von Corinne Päper vom Fachmagazin HR Today

Studien und Statistiken sind das eine. Doch wie steht es tatsächlich um Alterskarrieren in der Schweiz? Wir haben mit Daniel G. Neugart gesprochen, Geschäftsführer des Schweizerischen Arbeitnehmer­verbands Save 50Plus Schweiz. Eine Lobbyorganisation, die sich für die Integration arbeitsloser älterer Arbeitnehmender einsetzt.

Herr Neugart: Wie steht es um die Alterskarriere in der Schweiz?

Daniel Neugart: Den Begriff Alterskarriere verbinde ich mit Berufstätigen, die nochmals durchstarten möchten. Also Menschen ab 40 bis zum Pensionsalter. Schon ab 40 wird man von der Wirtschaft jedoch als «älterer Arbeitnehmender» wahrgenommen. So werden viele Arbeitnehmende durch Vorurteile wie «zu alt», «zu teuer» oder «überqualifiziert» stigmatisiert. Das ist aus meiner Sicht nicht haltbar. Vor allem, da es sich um erfahrene Fachkräfte handelt, die als «Fachrentner» auch nach ihrer Pensionierung weiterarbeiten möchten, können und oft auch müssen, weil die Rente einfach nicht ausreicht. Die meisten gehen zudem fit in die Pension und haben noch zwanzig Lebensjahre vor sich. So viel Ruhe hält doch kein Mensch aus!

Warum Ältere beschäftigen und fördern?

Firmen, die sich nicht mit dem demografischen Wandel auseinandersetzen, gehören langfristig zu den Verlierern und werden auf der Strecke bleiben. Ein Umdenken ist aber bereits im Gang. Die Corona-Pandemie könnte sogar als Beschleuniger wirken. Denn viele Leute haben diese Zwangspause genutzt, um über sich und ihr ­Leben nachzudenken und sich Sinnfragen zu stellen. Das wird unser Gedankengut nachhaltig verändern – auch in der Wirtschaft und Politik.

Deshalb würde ich die Frage eher umgekehrt ­stellen. Kann sich in der heutigen Situation ein Unternehmen überhaupt noch leisten, keine Meinung zum ­Arbeitsmarkt 50Plus zu haben? Einer Firma, die ältere Arbeitnehmende auf die Strasse stellt, ist einfach nichts Besseres eingefallen. Ein so destruktives Marketing kann für einen Betrieb jedoch weitreichende Folgen haben. Beispielsweise durch eine negative Wahrnehmung in den Medien, aber auch bei Konsumenten, potenziellen Kunden oder Partnern. Gegen aussen kommuniziert heisst das «wir können uns erfahrene Fachkräfte nicht leisten» und nach innen «je älter ihr werdet, desto näher rückt der Tag eurer Kündigung».

Der Handlungsbedarf ist gross. Trotzdem werden Alterskarrieren vernachlässigt. Weshalb?

Es ist wohl eine Mischung aus Angst und Bequemlichkeit – beides sind schlechte Ratgeber. Um das Thema Alterskarriere in der Schweiz voranzutreiben, brauchen wir die besten Köpfe und stärksten Persönlichkeiten in Politik und Wirtschaft, die Verantwortung übernehmen. Das muss bald geschehen, denn seit ­Jahren wird ergebnislos rumgeeiert. Wird das Potenzial älterer Mitarbeitender nicht stärker genutzt, bricht das Sozialsystem an der zusätzlichen Last dieser Sozialfälle in absehbarer Zeit zusammen. Das schadet nicht nur den Betroffenen, sondern auch der Wirtschaft.

Integriert die Wirtschaft ältere Arbeitnehmende also nicht aus eigenem Antrieb, werden «Wutbürger» politischen Druck aufbauen, so dass die Politik in die Wirtschaft eingreifen wird. Das Thema Arbeitsmarkt 50Plus wird in diesem Jahrzehnt zur Achillesferse der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft: Noch nie hat sich seit der industriellen Revolution eine so grosse Masse an Arbeitnehmenden in den Ruhestand verabschiedet. Ein globales Phänomen, das besonders die Wohlstandsländer betrifft. Wir befinden uns mitten in einer Wirtschaftskrise und ­niemand weiss genau, wie es weitergeht. Das mag ein gewisses Verständnis rechtfertigen. Keinesfalls darf die heutige Situation aber dazu führen, Ausreden zu finden, weshalb ältere Arbeit­nehmende nicht mehr beschäftigt oder gefördert werden sollen.

Wie ist dieser Herausforderung zu begegnen?

Die Herausforderung besteht darin, die Erfahrung älterer Arbeitnehmender effizient zu nutzen. Beispielsweise mit einem internen Jobsplitting oder einem Arbeitsplatz, an dem sie ihre Erfahrungskompetenz als Lehrlingsausbildner, interner Mentor, ­Qualitätscontroler oder in einer anderen Funktion einbringen können. Zeitgleich arbeiten sie in einem reduzierten Pensum an ihrem alten Job weiter. Dadurch zeigt ein Betrieb älteren Mitarbeitenden gegenüber Wertschätzung, schafft für das gesamte ­Unternehmen Vorteile und sichert zudem den Wissenstransfer zwischen Alt und Jung. Vielleicht möchte ein Arbeitnehmender aber auch nur noch 80 Prozent arbeiten und dafür nach der Pensionierung 20 Prozent für das Unternehmen tätig sein? ­Solche Fragen müssen heute beantwortet und entsprechende Massnahmen ergriffen werden.

Sie vergeben das Zertifikat «Altersneutraler Arbeitgeber». Was steckt dahinter?

Wir wollen einen altersneutralen und diskriminierungsfreien Arbeitsmarkt aufbauen. In KMU sind unsere Anliegen gut aufgehoben, in Konzernen finden über 50-Jährige jedoch kaum noch eine Stelle. Arbeitgebende können mit dem Zertifikat aufzeigen, dass in ihrem Betrieb die Leistung und nicht das Alter über eine Anstellung entscheidet. Daneben nimmt sie älteren Mitarbeitenden auch die unterschwellige Angst vor einer Ent­lassung. Zudem kommuniziert eine Firma, dass sie innovativ, verantwortungsbewusst und vor allem altersdiskriminierungsfrei ist.

Wenn wir zusammenstehen, dann haben wir das Beste noch vor uns!

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