Interview – Ausgesteuert!

06.01.21 INTERVIEW / Die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) sind lediglich eine Empfehlung. Das genügt nicht. Die Willkür in der Anwendung dieser Empfehlungen muss gestoppt werden. Es braucht die Umwandlung in Form einer Gesetzgebung. Zudem brauchen Sozialhilfebezüger*innen eine kostenlose, neutrale Rechtsberatung, um sich gegen Entscheidungen (Auflagen, Verfügungen, etc.) der Sozialhilfe wehren zu können. Vor allem braucht es aber auch die kooperative Zusammenarbeit der Sozialpartner mit unserem Verband und anderen 50+Interessenvertreter.

Das Interview mit mir, Daniel G. Neugart, Präsident und Geschäftsführer des Schweizerischen Arbeitnehmerverbandes 50Plus (SAVE 50Plus Schweiz), im aargauischen Lokalradio KanalK zeigt die Problematik deutlich auf. Mit dabei ist auch Markus Kaufmann, Geschäftsführer der Schweizerischen Konferenz für Sozialarbeit (SKOS). «KanalK» bietet auch ein radiojournalistisches Praktikum. Gerne haben wir diesen Radiosender mit unserem Beitrag unterstützt. Das ganze Interview ist «nur» auf Schwyzerdütsch, der schönsten Sprache der Welt…

Hier geht es zum Original-Podcast am Dreikönigstag 2021 (in voller Länge mit Musik).

Ich wünsche am heutigen Dreikönigstag 2021 allen ein erfolgreiches, gesundes neues Jahr. Alles Liebe und Gute!

Jetzt erst recht!

Das muss die klare Ansage sein für das Jahr 2021! Corona (Krone) hin oder her. Wir müssen mit dem was wir haben, versuchen das Beste zu machen. Das sind wir uns selber schuldig, denn dort fängt die Selbstverantwortung an. Bei Dir selbst. In diesem Jahr soll sich jede als Königin und jeder als König fühlen und in diesem Sinne eben auch die Verantwortung übernehmen. Wenn Du Entscheidungen triffst, dann hat das Konsequenzen. Wenn Du keine Entscheidungen triffst, dann hat es das auch, dann entscheiden nämlich andere über Deine Zukunft! Willst Du das? Ich denke wohl besser nicht!

Wir müssen näher zusammenrücken, auch wenn die Corona-Pandemie uns zu trennen versucht. Jetzt erst recht! Wir müssen uns als kompakte Gesellschaft verstehen und uns auch so verhalten. Die Politik und die Wirtschaft ist ein Teil dieser Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass unser Leben sich ständig nur um die persönliche Profilierung und um das Profitieren dreht. Ein Egoist schaut nur auf sich selbst und nimmt was er nehmen kann. Hauptsache es geht ihm gut. Ein «intelligenter» Egoist schaut darauf, dass es der Gesellschaft und seinem Umfeld gut geht. Das ist wesentlich nachhaltiger!

SKOS-Richtlinien als Gesetz

Markus Kaufmann, Geschäftsführer der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe zur «Überbrückungsrente».

Mit Überbrückungsrente ist alles gut und schön gedacht. Es ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Ein Tropfen auf den heissen Stein. Ein erster Nagel wurde eingeschlagen, mehr ist es leider nicht. Es schützt nur sehr wenige vor dem Weg in die Sozialhilfe. Was ist mit allen anderen, die auf der breiten Autobahn in die Altersarmut rasen? Markus Kaufmann weisst im Interview auf die grossen Herausforderungen hin.

Die SKOS erarbeitet Richtlinien, die für unser Sozialsystem von grösster Bedeutung wären. Aber es sind eben lediglich «Empfehlungen», also ein ein zahnloser Tiger. Die Kantone müssen sich nicht daran halten. Sie können nach aussen hin propagieren, dass sie sich auf diese Richtlinien stützen. In der Interpretation und Umsetzung gibt es aber einen breiten Handlungsspielraum. Das kann und darf nicht sein. Die SKOS-Richtlinien müssen als Gesetz verankert werden! Der Willkür muss ein Ende bereitet werden, denn die Leidtragenden sind letztendlich die Betroffenen. Und diese muss man nicht selten vor der Sozialhilfe schützen. Den meisten ist nicht bewusst, dass die RAV und die Sozialhilfe eine staatliche Versicherungsgesellschaft sind. Oft sucht man vergeblich das soziale Element und auch mit der Hilfe ist es nicht so berauschend. Die RAV nennt sich «Vermittlungsstelle», obwohl sie als «Verwaltung» funktionieren. Das wird definitiv falsch deklariert. Was drauf steht sollte auch drin sein. Oder gilt das nicht für alle? Dieser Etikettenschwindel führt deshalb auch zu einer völlig falschen Erwartungshaltung. Vor allem bei älteren Menschen, die noch nie arbeitslos waren.

Das «Kässelikarussell»

Mein frommer Wunsch ist, dass wir aufrichtiger miteinander umgehen und tatsächlich Hilfe anbieten. «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein». Einem Arbeitslosen (gleich welchen Alters), einem Ausgesteuerten, einer Sozialhilfeempfängerin hilft es nicht, wenn man allein nur einfach Geld bekommt. Auch nicht, wenn sie per «Notfallplan» ganz- oder teilweise in die IV geschickt werden. Das ist lediglich eine obligatorische, rechtlich vereinbarte Versicherungsleistung. Die Betroffenen sind Klienten oder auch oft intern als «Schadenfälle» deklassierte Menschen in unserer Gesellschaft. Und diese werden von einer zur anderen sozialen Einrichtung ganz oder teilweise verschoben.

Es geht immer mehr nur um Geld und immer weniger um den Menschen selbst. Eine «Enthumanisierung», die mir am meisten Sorgen bereitet. Ein Mensch braucht mehr als ein Glas Wasser, ein Brötchen und einen Fünfliber pro Tag! Er braucht eine sinnvolle Aufgabe, Strukturen, Ziele und Inhalte im Leben. Und das hört mit der Pensionierung nicht auf! Die Lebenserwartung ist zurzeit für Männer und Frauen bei ca. 85 Jahren. Tendenz steigend! Es gibt also auch noch ein (langes) Leben vor dem Tod! Es muss wieder um den Menschen gehen. Und dafür müssen wir uns gemeinsam einsetzen.

Unsere Forderung

Vor allem Menschen mit über 55-Jahren werden in der Wirtschaft, sowie bei den sozialen Institutionen, oft vollständig im Stich gelassen. Die Politik fordert die Wirtschaft auf, auch älteren Mitarbeitern Weiterbildungsmöglichkeiten anzubieten. Die Wirtschaft entgegnet daraufhin, dass ältere Mitarbeiter oft gar kein Interesse daran haben. Dieses Ping-Pong der Schuldzuweisungen schadet vor allem den Betroffenen! Lebenslanges lernen braucht es für die, die Wollen und Können.

Oft ist es aber auch so, dass Sozialhilfebezüger, die über 55-Jährig sind nicht mehr gefördert werden. Oder wie es es mir der Amtsleiter der Sozialhilfe Basel-Stadt, Herr Rudolf Illes, auf meine Anfrage persönlich mitgeteilt hat «Wenn jemand mit über 55 Jahren bei uns in der Sozialhilfe landet, dann hat er keine Probleme mehr. Wir geben ihm sein Geld und lassen ihn in Ruhe». Also wird in der Wirtschaft und in der Politik Wasser gepredigt und Wein getrunken? Dem muss sofort ein Riegel geschoben werden. Ältere Sozialhilfebezüger ab 55-Jahren werden auch gerne als «schlechtes Risiko» definiert. Gemeint ist damit, dass es sich nicht lohnt zu investieren, wenn die Erfolgschancen als zu gering eingeschätzt werden. Eine solche Denkweise ist weit weg vom Menschen. Und das passiert in Schweizer Betrieben genauso wie auch in Institutionen, die den staatlichen Auftrag und auch das Geld dazu bekommen, um Menschen zu helfen!

Wir brauchen deshalb mindestens eine Verbesserung in folgenden 3 Punkten:

  • Kostenlose, nachweislich unabhängige Rechtsberatung
  • Kostenlose, nachweislich unabhängige psychologische Betreuung
  • Zusammenarbeit mit 50+Interessenvertretungen

Wir haben immer mehr RAV-Berater*innen und Sozialberater*innen, die aus solidarischen Gründen Privatmitglied unseres Verbandes werden. Zudem bin ich auch Dozent der Fachhochschule für Soziale Arbeit (FHNW) mit meinem Vertiefungsmodul «ARBEIT ALTER ARMUT – Der soziale Verlustprozess». Hier habe ich es ausschliesslich mit fachkompetenten Menschen zu tun, die nicht gerade glücklich sind mit unserem Sozialsystem. Wir müssen schnell handeln. Das neue Zeitalter heisst «Wertewandel»!

In diesem Sinne, alles Liebe und Gute im neuen Jahr 2021! Mehr zum Thema erhältst du in unserem heutigen Radio-Interview. Wir freuen uns auf Feedbacks. Bitte teilen.

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Daniel G. Neugart

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